Querschnittsstudie · Masterarbeit · FU Berlin · 190 Teilnehmende

Studie zu Diskriminierung und Depression bei Muslim:innen

Methodik, Ergebnisse und Limitationen im Detail.

Diese Seite enthält die vier Hypothesen der Studie mit Operationalisierung, die Methodik mit Stichprobenbeschreibung und eingesetzten Skalen, die zentralen Befunde sowie eine Diskussion mit Limitationen. Das Manuskript wird hier verlinkt, sobald es publiziert ist.

Forschungsfragen

Die Studie prüft drei konfirmatorische Hypothesen sowie eine explorative Erweiterung.

H1: Alltagsdiskriminierung und depressive Beschwerden

Steht Alltagsdiskriminierung mit depressiven Beschwerden bei muslimischen Erwachsenen in Deutschland in Zusammenhang?

H2: Zusätzlicher Beitrag wahrgenommener Muslimfeindlichkeit

Hängt wahrgenommene gesellschaftliche Muslimfeindlichkeit über die persönlich erlebte Alltagsdiskriminierung hinaus zusätzlich mit depressiven Beschwerden zusammen?

H3: Moderation durch Kindheitstraumata

Verstärken Kindheitstraumata den Zusammenhang zwischen wahrgenommener gesellschaftlicher Muslimfeindlichkeit und depressiven Beschwerden?

Explorative Erweiterung: Moderation durch Migrationszuschreibung

Verstärkt es den Zusammenhang zwischen Alltagsdiskriminierung und depressiven Beschwerden, ob Menschen sich selbst einen Migrationshintergrund zuschreiben oder erwarten, dass andere ihnen einen Migrationshintergrund zuschreiben?


Methode

Design und Vorgehen

Die Studie war als quantitative, nicht-experimentelle Querschnittsuntersuchung konzipiert und wurde als anonyme Online-Befragung mit Unipark/EFS Survey durchgeführt. Die Datenerhebung fand vom 06.12.2025 bis 20.12.2025 statt. Um Belastungen durch sensible Inhalte zu minimieren, erhielten Teilnehmende Informationen zu Hilfs- und Beratungsangeboten.

Stichprobe und Rekrutierung

Aus der Rohstichprobe von 937 Datensätzen wurden ausschließlich vollständig abgeschlossene Fragebögen berücksichtigt (n = 244). Einschlusskriterien waren: informierte Einwilligung, Selbstidentifikation als muslimisch, Wohnsitz in Deutschland, Mindestalter von 18 Jahren. Nach Anwendung dieser Kriterien blieben n = 203 Fälle.

Im Rahmen einer Qualitätsprüfung wurden Fälle mit eindeutig unplausiblem Antwortmuster („hard straightlining“) in der Everyday Discrimination Scale ausgeschlossen (n = 9 mit Standardabweichung über alle EDS-Items von 0). Für die Regressionsanalysen war zusätzlich eine vollständige Verfügbarkeit der Kovariaten Geschlecht und Bildungsstand erforderlich. Aufgrund fehlender Angaben wurden weitere n = 4 Fälle ausgeschlossen.

Das finale Analysesample umfasste 190 Personen.

Messinstrumente

Depressive Symptomatik wurde mit der deutschen Version des Patient Health Questionnaire-9 (PHQ-9, Löwe et al., 2004) erfasst. Die 9 Items werden auf einer vierstufigen Skala (0 = überhaupt nicht bis 3 = beinahe jeden Tag) bewertet und zu einem Summenwert addiert (Wertebereich 0 bis 27). In der vorliegenden Stichprobe zeigte der PHQ-9 eine gute interne Konsistenz (Cronbachs α = .85).

Alltagsdiskriminierung wurde mit einer 9-Item-Version der Everyday Discrimination Scale (EDS, Williams et al., 1997; deutsche Adaptation z.B. Ulusoy et al., 2023) erfasst. Antwortskala 1 = nie bis 5 = sehr oft. Die interne Konsistenz war gut (α = .88).

Wahrgenommene gesellschaftliche Muslimfeindlichkeit wurde mit einer neu entwickelten 14-Item-Skala erfasst, da im deutschen Kontext kein etabliertes Instrument verfügbar war. Die Items basieren konzeptionell auf Arbeiten zu gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit und antimuslimischem Rassismus (Heitmeyer, 2002; Shooman, 2014; Foroutan, 2019; Decker et al., 2020). Antwortskala 1 = trifft überhaupt nicht zu bis 5 = trifft vollkommen zu. Die Skala zeigte eine hohe interne Konsistenz (α = .92). Mehr zur MF-Skala (14 Items, Faktoranalyse, Manual).

Kindheitstraumata wurden mit der deutschen Version des Childhood Trauma Questionnaire-Short Form (CTQ-SF, Bernstein et al., 2003; Wingenfeld et al., 2010) erfasst. Für die Auswertungen wurde der Summenwert über 25 klinische Items (Wertebereich 25 bis 125) verwendet. Die interne Konsistenz war hoch (α = .93).

Statistische Analysen

Die Analysen erfolgten mit IBM SPSS Statistics (Version 29) bei einem Signifikanzniveau von α = .05. Zur Hypothesenprüfung wurden hierarchische multiple lineare Regressionen mit depressiven Beschwerden als Kriterium gerechnet. In Block 1 wurden Alter, Geschlecht und Bildungsstand als Kovariaten aufgenommen. In Block 2 wurde Alltagsdiskriminierung ergänzt. In Block 3 wurde zusätzlich wahrgenommene gesellschaftliche Muslimfeindlichkeit aufgenommen, um den zusätzlichen Erklärungsbeitrag zu prüfen.

Für die Moderationshypothese (H3) wurde ein weiteres hierarchisches Regressionsmodell gerechnet. Nach dem Kovariatenblock wurden in Block 2 Alltagsdiskriminierung sowie die z-standardisierten Haupteffekte von Muslimfeindlichkeit und Kindheitstraumata aufgenommen. In Block 3 wurde der Interaktionsterm Muslimfeindlichkeit × Kindheitstraumata ergänzt.

Ethik

Das Forschungsvorhaben wurde vor Beginn der Datenerhebung von der Ethikkommission des Fachbereichs Erziehungswissenschaft und Psychologie der Freien Universität Berlin geprüft und positiv votiert (Aktenzeichen 038/2025, Beschluss vom 24.11.2025; als ethisch unbedenklich ohne Einschränkungen bestätigt). Alle Teilnehmenden gaben vor Beginn der Befragung eine informierte Einwilligung. Die Datenerhebung war anonym. Bei Hinweisen auf akute Belastung wurden Soforthilfe-Hinweise eingeblendet.


Stichprobe

Das finale Analysesample umfasste 190 muslimische Erwachsene. Mittleres Alter 31,33 Jahre (SD = 10,09; 18 bis 65 Jahre). Soziodemografische Merkmale:

Tabelle 1: Soziodemografische Merkmale der Stichprobe (N = 190)
Merkmal Kategorie n %
Geschlecht weiblich 117 61,6
männlich 73 38,4
Bildungsstand niedrig (kein Abschluss / Haupt- oder Realschule) 32 16,8
mittel (Fachhochschulreife / Abitur) 80 42,1
hoch (Bachelor / Master / Promotion) 78 41,1
Selbstzuschreibung Migrationshintergrund ja 158 83,2
nein 20 10,5
weiß nicht 12 6,3
Erwartete Zuschreibung durch andere ja 173 91,1
nein 8 4,2
weiß nicht 9 4,7
Migrationsgeschichte in Deutschland geboren 151 79,5
Zuwanderung vor dem 14. Lebensjahr 25 13,2
Zuwanderung ab dem 14. Lebensjahr 13 6,8
Religionspraxis wöchentlich oder häufiger 150 78,9
monatlich 11 5,8
nie / selten 21 11,1

Anmerkung: Bei einzelnen Merkmalen lagen fehlende Angaben vor; Prozentwerte beziehen sich auf gültige Antworten.


Ergebnisse

Eine ausführliche Darstellung der statistischen Kennwerte (Korrelations-Matrix, hierarchische Regressionsmodelle, Moderationsanalyse) ist im wissenschaftlichen Manuskript dokumentiert. Auf dieser Seite finden Sie eine narrative Zusammenfassung der Kernbefunde. Das Manuskript kann auf Anfrage bei inkaya@ikpd.de bezogen werden.

Zusammenhänge zwischen den zentralen Variablen

Wie erwartet zeigten sich substantielle positive Zusammenhänge zwischen depressiven Beschwerden, persönlich erlebter Alltagsdiskriminierung, wahrgenommener gesellschaftlicher Muslimfeindlichkeit und berichteten Kindheitstraumata. Die Skalen der zentralen Konstrukte wiesen durchgehend hohe interne Konsistenz auf (Cronbachs α zwischen .85 und .93).

Hypothese 1 — Alltagsdiskriminierung und depressive Beschwerden

Die erste Hypothese wurde bestätigt. Wer im Alltag häufiger Diskriminierung erlebte, berichtete auch über stärker ausgeprägte depressive Beschwerden. Dieser Zusammenhang blieb auch unter Kontrolle von Alter, Geschlecht und Bildungsstand stabil. Persönlich erlebte Diskriminierungserfahrung stand über alle Auswertungsschritte hinweg in dem stärksten Zusammenhang mit depressiven Beschwerden.

Hypothese 2 — Wahrgenommene gesellschaftliche Muslimfeindlichkeit über Alltagsdiskriminierung hinaus

Die zweite Hypothese wurde nicht bestätigt. Wahrgenommene gesellschaftliche Muslimfeindlichkeit zeigte zwar einen positiven Zusammenhang mit depressiven Beschwerden. Sobald die persönlich erlebte Alltagsdiskriminierung mitberücksichtigt wurde, leistete die wahrgenommene Muslimfeindlichkeit jedoch keinen zusätzlichen Beitrag. Persönliche Diskriminierungserfahrung scheint in dieser Stichprobe das aufzunehmen, was die wahrgenommene gesellschaftliche Stimmung an depressiver Belastung beitragen könnte.

Hypothese 3 — Kindheitstraumata als Moderator

Die dritte Hypothese wurde nicht bestätigt. Das gemeinsame Wechselspiel von wahrgenommener Muslimfeindlichkeit und berichteten Kindheitstraumata zeigte keinen zusätzlichen Effekt auf depressive Beschwerden. Berichtete Kindheitstraumata standen jedoch eigenständig und deutlich mit depressiven Beschwerden in Zusammenhang.

Explorative Hypothese 4 — Migrationszuschreibung als Moderator

Die vierte, explorativ untersuchte Hypothese wurde nicht bestätigt. Weder die Selbstzuschreibung eines Migrationshintergrunds noch die Erwartung, dass andere einem einen Migrationshintergrund zuschreiben, veränderten den Zusammenhang zwischen Alltagsdiskriminierung und depressiven Beschwerden bedeutsam.

Manuskript-Anfrage

Das vollständige Manuskript mit allen statistischen Kennwerten (Korrelationen, β-Koeffizienten, R², Interaktionsterme), Methodendetails und der ausführlichen Diskussion kann auf Anfrage bezogen werden.

Kontakt: inkaya@ikpd.de

Bitte geben Sie in Ihrer Anfrage kurz an, in welchem Kontext Sie das Manuskript verwenden möchten (Forschung, Lehre, Praxis, klinische Anwendung).


Limitationen

Die Befunde sind vor dem Hintergrund mehrerer Limitationen zu interpretieren.

  • Querschnittsdesign. Die Studie erlaubt keine kausalen Schlussfolgerungen. Bidirektionale Zusammenhänge (etwa depressive Beschwerden → erhöhte Wahrnehmung von Diskriminierung) können nicht ausgeschlossen werden.
  • Selbstbericht und Online-Sample. Die Daten basieren auf Selbstauskunft. Die Stichprobe wurde online und selbstselektiv rekrutiert. Die Generalisierbarkeit auf alle muslimischen Erwachsenen in Deutschland ist eingeschränkt.
  • Neu entwickelte Skala. Die MF-Skala wurde in dieser Studie erstmals validiert. Trotz guter interner Konsistenz sind weitere Validierungsstudien erforderlich (Faktorenstruktur, diskriminante Validität, Messinvarianz).
  • Eingeschränkte Teststärke. Zusätzliche Effekte und Interaktionseffekte sind bei einer Stichprobe von 190 Teilnehmenden nur mit eingeschränkter Teststärke nachweisbar. Kleine Interaktionen können in dieser Stichprobengröße schwer nachweisbar sein.

Wenn Sie selbst Diskriminierungserfahrungen machen oder im Umfeld jemanden begleiten, finden Sie Hilfsangebote für Betroffene und Angehörige.


Bedeutung für die Praxis

Die Befunde sprechen für eine systematische Erfassung von Diskriminierungserfahrungen und früher Belastungen in der Anamnese und Fallkonzeption muslimischer Patient:innen.

Implikationen für die Verhaltenstherapie →


Förderung und Interessenkonflikte

Diese Studie wurde im Rahmen einer Masterarbeit durchgeführt und erhielt keine spezifische Drittmittelförderung. Es bestehen keine Interessenkonflikte. Burak Inkaya ist Inhaber der Interkulturellen Psychologischen Praxis und Leiter der IKPD-Akademie. Beide Tätigkeiten standen in keinem direkten Bezug zur Studienkonzeption oder -durchführung.


Datenverfügbarkeit

Die Daten sind aus Datenschutz- und ethischen Gründen nicht öffentlich verfügbar. Anonymisierte Datensätze und Analysesyntax können auf begründete Anfrage angefordert werden. Die Anfrage sollte die geplante Verwendung und den institutionellen Kontext erläutern.

Kontakt: inkaya@ikpd.de.


Zitation

Studie und MF-Skala befinden sich in Vorbereitung zur Publikation. Die vollständige Zitierempfehlung wird hier ergänzt, sobald Co-Autor:innen und Verlag feststehen.


Häufige Fragen

Wer wurde befragt?

190 muslimische Erwachsene in Deutschland mit einem Mindestalter von 18 Jahren, die sich selbst als muslimisch identifizieren. Die Rekrutierung erfolgte online über soziale Medien und Multiplikatoren. Mittleres Alter 31,33 Jahre (SD = 10,09), 61,6 % weiblich.

Wie wurde Muslimfeindlichkeit gemessen?

Über eine in dieser Studie neu entwickelte 14-Item-Skala, die wahrgenommene gesellschaftliche Muslimfeindlichkeit erfasst. Die Items wurden auf einer fünfstufigen Likert-Skala (1 = trifft überhaupt nicht zu bis 5 = trifft vollkommen zu) beantwortet. Die Skala zeigte eine eindimensionale Faktorstruktur und eine interne Konsistenz von α = .92.

Welche Beispiele gibt es für Muslimfeindlichkeit?

Die in der MF-Skala erfassten Beispiele reichen von medialen Pauschalisierungen („In den Medien wird oft ein überwiegend negatives Bild von Musliminnen und Muslimen vermittelt“) über alltägliche Vorurteile gegenüber kopftuchtragenden Frauen und pauschale Gewaltzuschreibungen an muslimische Männer bis zu strukturellen Benachteiligungen in Bewerbungssituationen.

Wie sind die Befunde statistisch einzuordnen?

In dieser Studie wurden hierarchische Regressionen und Moderationsanalysen verwendet, um zu prüfen, welcher Anteil der depressiven Beschwerden durch persönlich erlebte Alltagsdiskriminierung, wahrgenommene gesellschaftliche Muslimfeindlichkeit und Kindheitstraumata erklärt wird. Persönlich erlebte Alltagsdiskriminierung zeigte dabei den stärksten Zusammenhang mit depressiven Beschwerden. Die genauen Koeffizienten, Effektstärken und Signifikanzwerte sind im Manuskript dokumentiert und können auf Anfrage bei inkaya@ikpd.de bezogen werden.

Ist die Studie ethisch geprüft?

Ja. Das Forschungsvorhaben wurde von der Ethikkommission des Fachbereichs Erziehungswissenschaft und Psychologie der Freien Universität Berlin geprüft und positiv votiert (Aktenzeichen 038/2025, Beschluss 24.11.2025). Alle Teilnehmenden gaben vor Beginn eine informierte Einwilligung.

Wie zitiere ich die Studie korrekt?

APA-Stil: