Glossar
Zentrale Konstrukte und Instrumente der Studie auf einen Blick.
Alltagsdiskriminierung
Wiederkehrende, konkret erlebte Benachteiligungen oder Mikroaggressionen im Alltag, die Personen aufgrund ihrer wahrgenommenen Gruppenzugehörigkeit erfahren.
In der vorliegenden Studie operationalisiert über die deutsche 9-Item-Version der Everyday Discrimination Scale (EDS, Ulusoy et al., 2023). Antwortskala 1 = nie bis 5 = sehr häufig.
Antimuslimischer Rassismus
Bezeichnung für die Abwertung von Menschen wegen ihrer tatsächlichen oder zugeschriebenen Zugehörigkeit zum Islam. Wird im Konzept des kulturellen Rassismus als besondere Form rassistischer Diskriminierung verstanden, mit häufig struktureller Verankerung (Foroutan, 2019; Shooman, 2014).
In der Fachliteratur wird zwischen Muslimfeindlichkeit und Islamfeindlichkeit unterschieden: Während Muslimfeindlichkeit stärker die Perspektive der Betroffenen betont, rückt Islamfeindlichkeit die Religion und ihre Praxis als Objekt der Diskriminierung in den Vordergrund (Runnymede Trust, 1997; ECRI, 2016). Eine scharfe Trennung ist laut Shooman (2014) praktisch kaum möglich, da die Abwertung der Religion fast zwangsläufig auch ihre Anhängerinnen und Anhänger betrifft.
In der vorliegenden Studie wird der Begriff Muslimfeindlichkeit verwendet, da die Forschungsfrage auf Wahrnehmung und Erfahrungen der Betroffenen fokussiert ist.
CTQ-SF
Childhood Trauma Questionnaire-Short Form, 28-Item-Selbstauskunft zur retrospektiven Erfassung belastender Kindheitserfahrungen.
Bernstein et al. (2003), deutsche Version Wingenfeld et al. (2010). Beantwortung auf fünfstufiger Likert-Skala (1 = „nie wahr“ bis 5 = „sehr oft wahr“). Fünf Subskalen: emotionale Misshandlung, körperliche Misshandlung, sexueller Missbrauch, emotionale Vernachlässigung, körperliche Vernachlässigung. Drei zusätzliche Items erfassen Minimierungs- und Verleugnungstendenzen und gehen nicht in den Summenwert ein. Der CTQ-Gesamtscore wird als Summenwert der 25 klinischen Items gebildet, Wertebereich 25 bis 125.
In der vorliegenden Studie α = .93.
Depressive Symptomatik
Ausprägung depressiver Symptome auf Grundlage der Diagnosekriterien depressiver Störungen nach DSM-IV und DSM-5, erhoben über ein Selbstbeurteilungsinstrument.
In der vorliegenden Studie operationalisiert über den Patient Health Questionnaire-9 (PHQ-9, Löwe et al., 2004). Neun Items zu zentralen Symptomen wie Interessenverlust, Antriebsminderung, Schlafstörungen, Konzentrationsproblemen und Suizidgedanken, Bezugszeitraum: letzte zwei Wochen. Summenwert 0 bis 27.
Der Begriff bezeichnet die Symptomausprägung, nicht zwangsläufig eine diagnostizierte Depression. Eine erhöhte PHQ-9-Symptomatik kann auch unterhalb der diagnostischen Schwelle einer depressiven Episode liegen.
In der vorliegenden Studie α = .85.
EDS: Everyday Discrimination Scale
9-Item-Skala zur Erfassung typischer, eher subtiler Diskriminierungserfahrungen im Alltag.
Williams et al. (1997); deutsche Adaptation z.B. Ulusoy et al. (2023). Antwortskala: 1 = „nie“, 2 = „selten“, 3 = „manchmal“, 4 = „oft“, 5 = „sehr oft“. Hauptkennwert: Mittelwert über alle neun Items (Wertebereich 1 bis 5). Beispielitems: „mit weniger Höflichkeit/Respekt“, „schlechterer Service in Geschäften/Restaurants“, „bedroht oder belästigt“.
Erfasst werden interpersonelle Diskriminierungserfahrungen im Alltag, nicht strukturelle oder institutionelle Diskriminierung.
In der vorliegenden Studie α = .88.
Hierarchische multiple Regression
Statistisches Verfahren, bei dem Prädiktoren in vorab festgelegten Blöcken schrittweise ins Modell aufgenommen werden, um die inkrementelle Varianzaufklärung zwischen den Modellstufen transparent darzustellen.
Erlaubt die Prüfung, ob ein Prädiktor über bereits aufgenommene Variablen hinaus zusätzliche erklärte Varianz im Kriterium beiträgt (ΔR² mit zugehörigem F-Test).
In der vorliegenden Studie zur Prüfung der Hypothesen H1 (Alltagsdiskriminierung als Prädiktor) und H2 (Muslimfeindlichkeit über Alltagsdiskriminierung hinaus) eingesetzt. Block 1: soziodemografische Kovariaten (Alter, Geschlecht, Bildungsstand). Block 2: Alltagsdiskriminierung. Block 3: wahrgenommene gesellschaftliche Muslimfeindlichkeit. Die Moderationshypothese H3 wurde mit einer eigenen hierarchischen Regression mit Interaktionsterm geprüft (siehe Moderationsanalyse).
Kindheitstrauma
Belastende Erfahrungen in Kindheit und Jugend (Misshandlung, sexueller Missbrauch, Vernachlässigung), die langfristig die psychische und körperliche Gesundheit beeinträchtigen können (Felitti et al., 2019).
In der vorliegenden Studie operationalisiert über die deutsche Version des Childhood Trauma Questionnaire-Short Form (CTQ-SF, Bernstein et al., 2003; Wingenfeld et al., 2010). 28-Item-Version, Summenwert der 25 klinischen Items, Wertebereich 25 bis 125.
MF-Skala
Selbst entwickelte 14-Item-Likert-Skala zur Erfassung wahrgenommener gesellschaftlicher Muslimfeindlichkeit unter muslimischen Erwachsenen in Deutschland.
Antwortformat: 1 = „trifft gar nicht zu“ bis 5 = „trifft völlig zu“. Hauptkennwert: Mittelwert über alle 14 Items (Wertebereich 1 bis 5). Theoretische Grundlage: gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit (Heitmeyer, 2002) und zentrale Arbeiten zu antimuslimischem Rassismus im deutschen Kontext (Shooman, 2014; Foroutan, 2019; Decker et al., 2020).
An einer Stichprobe von N = 190 erstmals psychometrisch erprobt. Hauptachsenfaktorenanalyse: erster Faktor erklärt 47 % der Varianz, KMO = .91. Cronbachs α = .92. Externe psychometrische Kennwerte liegen bislang nicht vor.
Moderationsanalyse
Statistisches Verfahren zur Prüfung, ob die Stärke des Zusammenhangs zwischen zwei Variablen von einer dritten Variable (Moderator) abhängt. Operationalisiert über einen Interaktionsterm zwischen z-standardisierten Prädiktoren.
Ein signifikanter Interaktionseffekt zeigt, dass der Zusammenhang in unterschiedlichen Ausprägungen des Moderators unterschiedlich stark ist.
In der vorliegenden Studie zur Prüfung von Hypothese 3 (H3) eingesetzt: Verstärken Kindheitstraumata den Zusammenhang zwischen wahrgenommener gesellschaftlicher Muslimfeindlichkeit und depressiven Beschwerden? Der Interaktionsterm MF × CTQ war nicht signifikant. Hypothese 3 wurde damit nicht unterstützt. Die genauen Kennwerte sind im Manuskript dokumentiert.
PHQ-9
Patient Health Questionnaire-9, ein 9-Item-Selbstbeurteilungsinstrument zur Erfassung depressiver Symptomatik der letzten zwei Wochen.
Etabliertes Screening-Instrument für depressive Störungen, basiert auf den Diagnosekriterien nach DSM-IV und DSM-5 (Löwe et al., 2004). Summenwert 0 bis 27. Schweregrad-Einschätzung: 0 bis 4 = keine oder minimale Depression, 5 bis 9 = leichte Depression, 10 bis 14 = mittelgradige Depression, 15 bis 19 = mittelschwere Depression, 20 bis 27 = schwere Depression.
In der vorliegenden Studie α = .85.
Querschnittsstudie
Untersuchungsdesign, bei dem Daten zu einem einzigen Zeitpunkt erhoben werden. Erlaubt die Beschreibung von Zusammenhängen, aber keine kausalen Schlussfolgerungen.
Zentrale Limitation der vorliegenden Studie. Bidirektionale Zusammenhänge können nicht ausgeschlossen werden, etwa dass depressive Symptomatik die Wahrnehmung von Diskriminierungserfahrungen oder des gesellschaftlichen Klimas beeinflusst. Längsschnittliche oder experimentelle Designs wären erforderlich, um zeitliche Dynamiken zwischen den Variablen abzubilden.
Wahrgenommene gesellschaftliche Muslimfeindlichkeit
Subjektive Wahrnehmung muslimischer Personen, dass die deutsche Gesellschaft ihnen feindselig oder ablehnend gegenübersteht. Misst nicht direkt erlebte Diskriminierung, sondern die Einschätzung gesellschaftlicher Einstellungen und Strukturen.
Konzeptioneller Rahmen aus der Forschung zu gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit (Heitmeyer, 2002) sowie zu antimuslimischem Rassismus im deutschen Kontext (Shooman, 2014; Foroutan, 2019; Decker et al., 2020). In der vorliegenden Studie operationalisiert über die MF-Skala.
Verwendung in der Studie
Diese Definitionen liegen der Studie und allen Texten auf dieser Webseite zugrunde. Synonyme oder alternative Schreibungen werden, soweit möglich, vermieden, um terminologische Konsistenz zu gewährleisten.